Erziehung
Die Erzieherinnen im Kindergarten unserer Wahl1 haben ein Problem: Die Eltern. Die meisten wissen nämlich gar nicht, wie sie ihre Kinder zu erziehen haben, und was sie ihnen beibringen sollten. Das müssen die Erzieherinnen tun.
Zum Beispiel gesundes Essen: Wie viele Kinder bringen Nutellabrote mit! Oder gar Süßigkeiten! Da bleibt einem ja die Milchschnitte im Halse stecken! Also wurde kurzerhand eine spielerische Erziehungsmaßnahme eingerichtet: Die Kinder haben in der vergangenen Woche gemeinsam Bilder von Lebensmitteln auf rote, gelbe und grüne Plakate geklebt. Danach wusste unsere Tochter sehr genau, was sie alles nicht mehr essen durfte. Und aß nichts mehr.
Zum Beispiel Zahlen: Wäre es nicht sinnvoll, dass Kinder im letzten Kindergartenjahr ein gewisses mathematisches Verständnis hätten? So bis zehn? Also lernen unsere Kinder nun, Zahlen zu schreiben – d. h. Ziffern. Vorige Woche fingen sie an, die „1“ zu schreiben, diese Woche ist die „2“ dran. Alle Ziffern werden fein säuberlich in Rechenkästchen geschrieben, immer und immer wieder. Dass die meisten Kinder damit motorisch total überfordert sind, dass man besser mit einfachen Schwungübungen angefangen hätte: geschenkt. Aber leider verbinden die Kinder auch nach einer Woche der kalligrafischen Höchstleistungen mit den erlernten Ziffern noch immer nicht wirklich die damit gemeinte Menge.
Zum Beispiel Verkehrserziehung: Nach den Vorstellungen der Erzieherinnen soll ein Verkehrsübungsplatz — genauer eine Bobbycar-Rennbahn – auf dem Kindergartengelände entstehen. Weil nur wenig Platz ist, kann nur eine „Einbahnstraße“ gebaut werden, diese soll entsprechend beschildert werden. Trotzdem soll es in dieser Straße einen Bürgersteig, einen Zebrastreifen und dergleichen mehr geben. Alles hübsch in die Grünanlage eingebettet. Ob diese Retorte tatsächlich etwas für ein sicheres Verhalten im Straßenverkehr bringen wird? Ich bezweifle es.
Die Liste ließe sich fortsetzen. Schade ist, dass allen diesen gut gemeinten Maßnahmen Konzept und Sachverstand fehlt.2 So ist die der Einteilung rot/gelb/grün zugrundeliegende Theorie von gesunden und ungesunden Lebensmitteln alles andere als wissenschaftlich haltbar.3 Ein Mengenverständis als Grundlage eines Zahlen- und Mathematikverständnisses wird nicht geübt. Und dass die umliegenden Kindergärten ihre Bobbycar-Bahnen allesamt nicht wieder bauen würden, weil sie kaum genutzt werden, wird bei der Planung auch ignoriert.
Das Bild der Erzieherinnen aber, nach dem sie es besser wissen als die Eltern der ihnen anvertrauten Kinder, kann durch sachliche Kritik aus der Elternschaft leider nicht erschüttert werden. Entsprechende Einwände werden als „Nörgeln“ empfunden.
Im Ergebnis bleibt uns dann leider nichts anderes übrig, als unseren Kindern nachmittags die vormittägliche „Erziehung“ wieder abzuerziehen. Damit wir einer Eßstörung vorbeugen. Damit sie richtig Rechnen lernen. Damit sie nicht vom Trecker überfahren werden.
