Nix wissen macht auch nix
„Wissen als Produktions- und Wirtschaftsfaktor wird immer wichtiger“, schreibt Microsoft in einem Artikel zum Thema Geistiges Eigentum. Damit ist exemplarisch definiert, worauf es heute in der Gesellschaft angeblich ankommt. Der Begriff der Wissensgesellschaft, so die Wikipedia fokussiert darauf, „dass das gesellschaftliche Leben in zunehmendem Maße durch die Ressource Wissen bestimmt wird“.
Nach der Agrar-, der Industrie- und der (wahrscheinlich gescheiterten) Dienstleistungsgesellschaft, soll nun die Wissensgesellschaft die Zukunft sein. Und wo kann man die Zukunft schon heute besichtigen? In den Schulen und Bildungseinrichtungen des Landes.
Unsere Schulen sind besessen davon, den Kindern „Wissen“ zu vermitteln. In einem jeglichen Unterrichtsfach gibt es ausführliche Lehrpläne, die nichts anderes als den „Stoff“ vorgeben, der innerhalb einer gewissen Zeit „vermittelt“ werden muss. Die Bewältigung dieses Stoffes gelingt häufig genug nur noch durch Auswendiglernen. Und schließlich sind die Prüfungen immer häufiger mehr auf die „Abfrage“ des Stoffes ausgerichtet denn auf die Überprüfung, ob dieser verstanden wurde. Mir sind Fälle bekannt, in denen in Mathearbeiten schlecht bewertet wurden, weil – trotz richtigen Endergebnisses – nicht der „vorgegebene“ Lösungsweg eingehalten wurde. Und hierbei ging es schlicht um Dreisatzaufgaben (3. Klasse), und nicht um Beweise, in denen der formale Weg tatsächlich vorgebeben ist.
Wissen macht ah?
Aber was nützt unserer Gesellschaft das Wissen des Einzelnen? Kommt es angesichts schier unendlichen Wissens in den Datenbanken des Internets überhaupt noch so sehr darauf an, dass unsere Schüler ein bestimmtes Wissen erlangen? Setzen nicht sogar umgekehrt die Unternehmen der Wirtschaft alles daran, das Wissen ihrer Mitarbeiter aus ihnen herauszulösen und in Wissensmanagementsystemen für das Unternehmen nutzbar – und den einzelnen Mitarbeiter austauschbar – zu machen?
Ich kenne Grundschüler, die ein erstaunliches Wissen über alle möglichen Dinge des Lebens angehäuft haben (vermutlich über die in der Überschrift oben bezeichnete TV-Sendung). Andererseits scheitern sie bei einfachen Matheaufgaben, deren Lösung ein neues Denken jenseits vorgegebener Rechenwege erfordern würde.
Meine Einschätzung: Gute Noten in Sachkunde allein reichen nicht, wenn die Fähigkeit, Probleme kreativ zu lösen, nicht gefördert wird. „Wissen, wo es steht“ ist der erste Lehrsatz nicht nur im Jurastudium. Angesichts der fast sofortigen Verfügbarkeit allen möglichen Wissens im Internet ist es viel wichtiger, denken, urteilen, unterscheiden, bewerten und neu entwickeln zu können.
Bundespräsident a. D. Horst Köhler hat vor vier Jahren „Deutschland, Land der Ideen“ ausgerufen. Wären wir eine „Ideengesellschaft“, wie viel besser könnte es uns gehen. Allein, dazu müsste man wieder in den Schulen anfangen. Und meine Befürchtung ist, dass, vorsichtig gesagt, die Strukturen hierzu nicht ausreichend entwickelt sind. Als einzige Hoffnung für Schüler, die nicht gern auswendig lernen, bleibt, dass sie – das kann ich mittlerweile aus Erfahrung sagen – ihren Schulstoff später nicht mehr brauchen werden und sie auch nach ein paar Jahren niemand mehr nach ihren Schulnoten fragt. Einzig das eigenständige Denken sollten sie sich um alles in der Welt bewahren!

